Rede im Rathausfestsaal anlässlich der Terroranschläge von New York und Washington D.C.

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde!

Als vor ca. 20 Jahren die Weltversammlung der Christlichen Kirchen in Vancouver den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Gang setzte, gab es eine interessante und aufschlussreiche Differenz zwischen den Kirchen der reichen, westlich-kapitalistischen Ländern und den Kirchen der armen Ländern des Südens. In den reichen Kirchen, die ich der Einfachheit halber jetzt mal so nenne, also in den reichen Kirchen bürgerte sich die Reihenfolge „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ ein. In den armen Kirchen blieb es bei der ursprünglichen Reihenfolge „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“.

Warum beginne ich damit meine kleine Rede? Eine Rede, die doch auf die Attentate in USA und ihre weltweiten Konsequenzen zu sprechen kommen soll. Ich beginne meine Rede damit, weil jetzt die Zeit ist, -nach dem ersten Schreck, vielleicht auch über sich selbst, weil die stets über die Sender flutenden Bilder der Katastrophe auch etwas unheimlich Faszinierendes hatten – weil jetzt die Zeit ist, über die Bedeutung dieser Attentate nachzudenken; darüber, was in ihrer Folge an Gesetzesverschärfungen, Entdemokratisierungsversuchen und -umsetzungen, Desolidarisierungsversuchen und -umsetzungen etc. geschieht; aber auch darüber, wie solcher Vernichtungswille entstehen kann, der vor dem eigenen Leben und dem anderer Menschen nicht haltmacht.

Vorab: ich halte es nicht nur für falsch, generell den Islam dafür verantwortlich zu machen. Ich lehne auch generell eine Ineinssetzung von Islamismus und fanatischen Kreisen ab. Halten Sie die Religion da heraus! Islamistisch-islamisch: das sind Wortspielereien. Halten Sie vielleicht für christlich, was in Nord Irland geschieht? Haben Sie die christlichen Milizen im Libanon für besonders christlich gehalten? War die Hexenverfolgung in Europa ein Akt besonderer Christlichkeit. Und hatten die Kreuzzüge zur „Rettung“, zur „Befreiung“ des Heiligen Grabes in Jerusalem nicht vielmehr politische Hintergründe denn religiöse? Was war ehrlicher an den Deutschen Christen? Ihr Christsein oder ihr „völkisches“, rassistisches Deutschtum?

Ich bin der festen Überzeugung, dass immer dann, wenn der Bereich des Profanen plötzlich ins Religiöse übersteigert wird, irgend jemand etwas zu verbergen hat. Und da ist es gleichgültig, ob einer zum Heiligen Krieg aufruft oder zu einem modernen Kreuzzug. Ob einer die Ungläubigen dezimieren will oder einer das Reich des Bösen. Ob einer die göttliche Wahrheit in seinem Staat umzusetzen droht oder einer meint, mit der „ewigen Gerechtigkeit“ seine Verbündeten und seine Nation hinter sich bringen zu müssen.

Die eigentliche Handlungsmotivation soll verborgen bleiben. Das ist der Grund religiöser Überhöhung. Über den Mißbrauch theologischer Begriffe und seiner Funktion möchte ich jetzt nicht länger sprechen, obwohl es sich sehr lohnt. Aber es sprengt den Rahmen meiner Rede. Ich möchte zu meiner Anfangsgeschichte zurückkommen, zur fast unmerklichen und doch so bedeutsamen Änderung des Mottos der Weltversammlung der Kirchen.

In den westlichen Kirchen wurde das Motto hierarchisch verstanden: erst Friede, dann Gerechtigkeit, dann Bewahrung der Schöpfung. Und Friede bedeutet im reichen Westen oft neben der Abwesenheit von Krieg: Harmonie, Freundlichkeit, Konsens der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen; auf Kosten der Schwächeren, die sich ja – aus Friedenserwägungen, um das etwas karikierend zu formulieren – nicht wehren dürfen, aus Mangel an Macht auch nicht wehren können. Friede als Hindernis zur Partizipation am gesellschaftlichen Prozess! Auch hier, wie Sie sehen, ein religiöser Begriff, um gesellschaftliche Missstände zu vernebeln.

In den Ländern des Südens blieb das Motto erhalten, wurde eher kausal denn hierarchisch verstanden: wenn nicht Gerechtigkeit, dann auch kein Frieden! Und Gerechtigkeit wurde hier, anders als in den Kirchen des Westens, als menschenwürdige Gerechtigkeit verstanden: als Fähigkeit, über die Produktionsmittel zu verfügen, was konkret bedeutete: dass Menschen genug zu Essen haben, dass sie medizinisch versorgt sind, dass ihre Kinder in die Schule gehen können und sie einen durchsetzbaren Anspruch auf Partizipation in ihrer Gesellschaft haben: Zugänge zur Macht!

Und damit haben wir es auf den Punkt gebracht, worum es letztlich geht.

Ich will die Kirchen nun einmal verlassen und zurück kommen auf diese neue Qualität von Terror, die den Westen, zumindest die Zivilbevölkerung, unvorbereitet traf. Der Schock saß tief: ausgerechnet im Land der Freiheit, wurden mit einer erschreckend genialen Präzision die Symbole der Macht, Geld und Militär, angegriffen und mit ihnen Tausende Menschen umgebracht.

Man identifiziert sich hier mit den Menschen in New York, mit den Arbeitenden ebenso wie mit den Touristen. Man hätte es auch selbst sein können. Und in einigen Familien, auch hier im Münsterland, ist ja das Entsetzliche wirklich zur Wahrheit geworden und sie haben Freunde, Angehörige, Liebste verloren.

Der Schock saß tief und es herrschte tiefste Ratlosigkeit über Tat,. Täter, Motiv. Über die Täter war man sich dann ziemlich schnell einig. Aber über das Motiv herrscht weiter Ratlosigkeit. Im Gegenzug dazu ist schon viel darüber geredet worden, dass jeden Tag viel mehr Menschen als bei dieser Katastrophe leise und ungehört ebenso ungerechte Tode sterben müssen; weil sich niemand Wichtiges mit ihnen identifiziert, weil ihr Sterben einfach in den Ländern des Westens nicht zur Kenntnis genommen wird. Wie viele Zivilisten, Frauen, Kinder, Männer, sterben in Ländern, die weder Gerechtigkeit noch Frieden kennen. Werden von Minen, Maschinengewehrsalven und Raketen zerrissen, verkrüppelt, traumatisiert; von Waffen, die aus Ländern des Westens dorthin verkauft werden, weil es ein einträgliches Geschäft ist, weil es dem politischen Kalkül entspricht, Unruheregionen zur eigenen Machtstabilisierung zu erhalten.

Doch stehen diese Erklärungen immer im Verdacht aufrechnen und damit verharmlosen zu wollen.

Dagegen muss eindeutig gesagt werden: Nein, es geschieht den Menschen in New York und Washington D.C. nicht Recht, dass sie sterben mussten, als sie leben wollten. Und jeder Applaus über die mit Menschen besetzten Passagiermaschinen, die in das World Trade Center und das Pentagon rasten, ist entsetzlich und nicht mit Mangel und Unterdrückung zu entschuldigen. Es kann nicht um eine Aufrechnung gehen. Von keiner Seite. Das wäre unangemessen und würde die Gewalt niemals stoppen.

Aber wir müssen uns um eine grössere Klarsicht bemühen.

Krieg trifft immer mehr und grausamer die Zivilbevölkerung als das Militär. Immer mehr die, die den Krieg nicht verursacht haben, ihn aber bezahlen müssen: mit Geld, mit Arbeitskraft, mit Leben. Und so verhält es sich hier auch. Wenn hier überhaupt von einem Krieg gesprochen werden kann, dann so, dass zum ersten Mal die Aggression in das Land USA zurückkam und dort, ihrer eigenen Logik folgend, die Zivilisten angriff, die sie sonst immer nur in den armen Ländern trifft.

Wie kommen wir da raus? Wie schaffen wir eine Welt, in der der Friede tatsächlich durch Gerechtigkeit gesichert ist?

Neben Ratlosigkeit machen sich auch Hilflosigkeit und Resignation breit: dass hier gegen die große Politik nichts mehr gegen zusetzen wäre. Aber da müssen wir gegen halten; in diesem Land, in dieser Stadt. Rezepte gibt es nicht. Aber Ansätze gibt es natürlich: Konzepte gegen Arbeitslosigkeit, den Kampf gegen die Abschiebung von Roma, kritisches Beleuchten und Ändern des „Zuwanderungsgesetzes“ von Otto Schily, oder um mal etwas positiv zu formulieren: motivierende Perspektiven für MigrantInnen ,um nur einen ganz kleinen Ausschnitt zu nennen.

Dies hier ist eine Rede und kein Diskussionsforum. Aber ein solches wäre natürlich nötig, um eine möglichst breite Beteiligung zu bewirken. Und das ist es eigentlich schon: ein beherztes sich Einbringen in das Weltgeschehen, das auch Stadtgeschehen ist, Partizipation, Streiten für das, das doch erkennbar besser ist für Menschen: das sie leben und nicht sterben vor der Zeit.

Gerechtigkeit, das ist eben nicht die herrische und blasphemisch annektierte „Infinite Justice“ von Präsident Bush, der damit sein Heer und die Verbündeten in die Schlacht rufen wollte.

Gerechtigkeit, dass ist das Kind, das Abends satt und ruhig einschläft; dass sind die Flüchtlinge im Land, die ein menschenwürdiges Leben finden und sich frei und sorglos bewegen können. Jeder und Jede hat hier eigene Beispiele, die sie anfügen kann. Ich denke, es ist Zeit, darüber nachzudenken, auch zu streiten, wie eine solche Gerechtigkeit Form annimmt.

Die Gefahr ist gross, jetzt Freund von Feind zu scheiden; nach dem Ende der grossen Blöcke einen neuen Feind auszumachen und damit partizipations- oder integrationsfreundliche Maßnahmen zu behindern, Gesetze zu verschärfen. Das ist schlimm! Und es darf nicht sein! Und wenn es geschieht, dann muss das wieder abgebaut werden!

Vielen Dank für Ihre Geduld