Alternative Medien als Gegenpol zur veröffentlichten Meinung? Chancen und Grenzen

Peter Wolter stellt in seinem Diskussionspapier „Thesen zum AK ‚Alternative Medien'“ u.a. folgende These auf: „Die basisdemokratische Organisation der Entscheidungsabläufe in einer AM-Redaktion ist in der Regel kontraproduktiv.“ (These 7, siehe Peter Wolters Thesenpapier in diesem Heft).

Diese These stelle ich in Frage. Basisdemokratische Strukturen, wie es sie z.B. bei langlebigen Bewegungszeitungen wie graswurzelrevolution und Contraste gibt, sind wichtig für das Funktionieren von Alternativmedien. Die professionell gemachte Berliner tageszeitung ist seit Einführung der Chefredaktion keine Alternativzeitung mehr. Ihre Perspektive ist nicht mehr basisdemokratisch, sondern, das hat auch die bellizistische Ausrichtung der taz während des Jugoslawienkriegs 1999 gezeigt, herrschaftsnah und staatsfreundlich. Wichtig ist für alternative Medien dagegen eine Perspektive „von unten“, eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart.

Vorteile alternativer Medien gegenüber Massenmedien Im Gegensatz zu den alternativen Klein- und Kleinstpublikationen stellen Massenmedien für die Entwicklung und Verbreitung neuer Ideen ein Hindernis dar.

„Stellen wir uns eine Zeitung (…) vor, die alle zu einem bestimmten Zeitpunkt entstandenen neuen Ideen sammeln wollte. Wir haben (…) gesehen, dass es praktisch unmöglich wäre, in einer solchen Sammlung ein bestimmtes Thema zu finden. Es gibt nur ein Mittel, um dem Leser das in einer Zeitung (…) enthaltene Material zugänglich zu machen: Die Masse des Materials muss reduziert werden. Es muss also eine Auswahl getroffen werden, aber diese Auswahl kann nur schlecht sein, denn auch die Herausgeber oder Zensoren, die sie vornehmen, sind außerstande, eine solche Unmenge von Informationen zu lesen, um nur eine davon auszuwählen. Überdies würde diese Auswahl besonders schwierig sein im Falle neuer, ungewohnter Ideen, deren Terminologie noch nicht allgemein bekannt sein kann und die eine gewisse Zeit zum Nachdenken erfordern. Die Herausgeber oder Zensoren (…) werden daher automatisch das zweitrangige, aber bereits bekannte Material behalten und alle neuen Ideen ablehnen. Diese Tatsache können wir tagtäglich in unseren Zeitungen, auf den Fernsehbildschirmen etc. bestätigt finden.“

Die Massenmedien ersticken also neue Ideen. Anders als die alternativen Periodika, setzen sie die Herrschaftsstrukturen im Zeitalter der Globalisierung als unantastbar voraus und tragen so zu ihrer Zementierung bei. Nach Meinung des Sozialwissenschaftlers Noam Chomsky handelt es sich hierbei weder um Zufall noch um eine besondere Bösartigkeit. Der „Manufacturing Consent“, von dem Chomsky spricht, geht von den kapitalistischen Unternehmern als unantastbarem Heiligtum aus. Chomsky sieht fünf „Filter“ am Werk, die das Funktionieren der Massenmedien steuern.

Der erste Filter: Die Medien sind im wachsenden Maße große Konzerne wie das Kirch-, Berlusconi- oder Bertelsmann-Imperium.

„Und würde vielleicht von Silvio Berlusconi oder auch Rudolf Augstein erwartet, dass sie das Prinzip der Profitmaximierung verurteilen und die Enteignung der Großkonzerne verlangen?“ Den zweiten Filter stellen Werbe- und AnzeigenkundInnen dar. Sie sind für Chomsky die eigentlichen KundInnen, auf deren Wünsche die Tätigkeit der bürgerlichen Medien ausgerichtet sein muss. Die KonsumentInnen sind, in der Sprache des Marktes, lediglich das „Produkt“, das aggressiv beworben wird.

Der dritte Filter wird durch die Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlich wichtigen Institutionen wie Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen gebildet. Wem werden die Informationen gegeben und wem nicht? Welche Medien werden die neuesten Informationen erhalten, wem wird die Möglichkeit zu einem „informellen Gespräch“ eingeräumt? Den Medien, die zusammen mit UnternehmerInnen, CDU/CSU, FDP, SPD und den Bündnisgrünen die Sicherung des „Standorts Deutschlands“ verfechten, oder den Menschen die direkte Widerstandsaktionen gegen Atompolitik, Umstrukturierung und rassistische PropagandistInnen und AkteurInnen leisten? Eine wohl eher rhetorische Frage.

Als vierten und fünften Filter zur Eliminierung kritischen Denkens aus den Medien nennt Chomsky systematische „Schmutzkampagnen gegen AbweichlerInnen“ und, vor allem auf die USA bezogen, „Antikommunismus als nationale Religion“. Das KPD-Verbot 1956, die Antiterrorismushysterie, die im „Deutschen Herbst“ 1977 einen Höhepunkt erreichte, die Berufsverbote und „Sicherheitsgesetze“ gegen Linke, die ehrabschneidende Bild-Zeitungskampagne gegen den tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert, der sich im Oktober 2001 kritisch zum Afghanistan-Krieg der USA geäußert hatte und die aktuelle Suspendierung von Lehrern, die sich seit dem 11. September 2001 gegen den US-Krieg in Afghanistan geäußert haben (Nadir, Indymedia u.a.) belegen, dass diese Prozesse auch in der Bundesrepublik wirksam waren und sind.

Nach Chomsky beruht die Struktur moderner Medien auf einem herrschenden Konsens, der durch den Wiedererkennungswert bestimmter Meldungen ständig reproduziert wird. Die Meldung „Kommunisten unter Pol Pot begehen in Kambodscha Völkermord“ musste demnach in der US-Öffentlichkeit ab Mitte der siebziger Jahre nicht belegt oder ausführlich begründet werden, um geglaubt zu werden. Sie fußte auf dem herrschenden Konsens des medial geprägten Prokapitalismus und US-typischen Antikommunismus. Die Nachrichten: „USA begeht in Kambodscha Völkermord“ (dies war 1975 der Fall) und: „Von den USA unterstützte indonesische Interventionstruppen begehen in Ost-Timor Völkermord (dies war nach 1975 ein Fakt) hatten keine Chance auf Zustimmung, weil sie dem herrschenden Konsens widersprachen. Es hätten erst Beweise, Belege und Dokumente angeführt werden müssen, um glaubwürdig zu werden. „Dies widerspricht jedoch dem vor allem in den Fernsehsendern vorherrschenden Diktum der Kürze einer Nachricht.“

Demnach fördern kurze Nachrichten den herrschenden Konsens. Abweichende oder den Konsens durchbrechende Nachrichten haben keine Chance, weil sie in der Kürze der Zeit nicht begründet werden können.

„Die Aktualität der von Chomsky geleisteten Kritik der Verkürzung von Nachrichten, zeigt sich heute zum Beispiel im Trendsetter Focus, dem der Spiegel als ‚Nachrichtenmagazin‘ nacheifert. Die Nachrichtenartikel werden immer kürzer und nur noch selten ausführliche Hintergrundanalyse veröffentlicht. Diese Struktur reagiert auf und verschränkt sich mit Mechanismen der Gedächtniszerstörung durch die moderne Unterhaltungsindustrie: Musikvideos, Techno-Musik, visuelle Reizüberflutung durch Computeranimationen, aber auch das ‚Zappen‘ durch unzählige Fernsehkanäle sind entsprechende Zeiterscheinungen. Die Fähigkeit zur motorischen Wahrnehmung von Zusammenhängen und komplexe Gedächtnisleistungen werden zerstört. Ein Ergebnis ist, dass KonsumentInnen lange Konzentrationsphasen, und somit auch lange Artikel oder ausführliche Analysen, ermüdend finden und unmerklich auf sie verzichten – zu ihrem eigenen Nachteil.“

Um grundlegende Kritik an der ungleichen Verteilung von Reichtum, Macht und Privilegien aus der Öffentlichkeit zu entfernen, reicht heute meist das freie Spiel unternehmerischer und staatlicher Macht. Es wirkt ganz von allein und ohne gewaltsamen Zwang. Es bewirkt, dass die öffentliche Meinung von dieser Macht beherrscht wird. Durch das Zusammenwirken der o.g. Faktoren tragen die Massenmedien dazu bei, aus der Demokratie eine ZuschauerInnendemokratie zu machen.

Während die Massenmedien Millionen Menschen erreichen, interessieren sich für die vielen alternativen „Minimedien“ nur einige tausend Personen, die aber – zumindest dem alternativen Anspruch nach – nicht KonsumentInnen, sondern zugleich HandlungsträgerInnen und AutorInnen sind. Sie stellen Kommunikation auf Dauer her, die sich der Definitionsmacht der etablierten Presse, ihrer Präferenz für dramatische bzw. „sensationelle“ Ereignisse, ihrer Fixierung auf zentralisierte und hierarchische Strukturen, Führer und Fraktionierungen zu entziehen vermag. Die alternativen Periodika können nicht alle neuen Ideen veröffentlichen, aber sie können jede Neuheit bringen, die irgendeine/r der wenigen LeserInnen vorschlägt, und diese Ideen sind dann allen LeserInnen zugänglich. Die Möglichkeiten, die ein solches Netz von vielfältigen „Minimedien“ haben könnte, skizzierte Yona Friedman folgendermaßen:

„Wenn wir (..) annehmen, jede Gemeinschaft von 5.000 bis 10.000 Mitgliedern könne eine eigene Zeitung haben, so dürfen wir gewiss sein, dass jede beliebige Idee veröffentlicht werden würde, auch wenn sie dann nicht notwendigerweise von allen Bewohnern des Erdballs gelesen wird. So einfach dieser Vorgang ist – er verhindert doch die Zurückweisung neuer Ideen und fördert die Vielfalt der Subkulturen.

Ich will mit diesem imaginären Beispiel zeigen, dass die weltweite Kommunikation im Gegensatz zu den üblichen Anschauungen nicht der kulturellen Entwicklung oder der Vermehrung der Kenntnisse des Menschen dient, sondern, im Gegenteil, zu einer Verarmung führt. Die wirksamste Kommunikation ist und bleibt offensichtlich die von Angesicht zu Angesicht.“ Dezentralität, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung sind inzwischen breit akzeptierte demokratische Grundwerte und dies ist zum großen Teil dem Einfluss der Alternativmedien im APO-Kontext zuzuschreiben.

Die alternative Presse hatte und hat Einfluss auf alle linken, nach 1968 entstandenen neuen sozialen Bewegungen, z.B. die Friedens-, HausbesetzerInnen-, Frauen-, Lesben-, Schwulen-, Männer-, Volkszählungsboykott-, Anti-Startbahn West- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Alternative Publikationen erreichen z.T. auch Menschen außerhalb der linken Bewegungen und tragen nicht unerheblich zur Mobilisierung z.B. gegen Atomtransporte und Militarisierung bei. Die durch alternative Medien verbreiteten Ideen, Gesellschaftsentwürfe und Utopien sind diskussionswürdig und können als theoretische Basis für die Kritik an autoritären Sozialstrukturen dienen.

Wer aber die Geschichte der Bundesrepublik betrachtet, stellt fest, dass die Einflussnahme der Alternativmedien auf bestimmte soziale Komponenten seit mehr als einer Dekade rückläufig ist. So ist die Wirkung antimilitaristischer/basisdemokratischer/alternativer Ideen/Utopien auf die grüne Partei in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Dies muss im Zusammenhang mit der Etablierung der Grünen als staatstragende Partei, dem schwindenden Einfluss der sogenannten „Fundis“, den daraus folgenden Parteiaustritten gesehen werden.

Auch der Einfluss alternativer Ideen auf die taz ist schrittweise zurückgegangen und spätestens seit der Einführung der Chefredaktion fast nur noch auf die Kleinanzeigen- und LeserInnenbriefe-Seiten beschränkt.

Ausblick: Die Zukunft der alternativen Presse und der sozialen Bewegungen Die sich heute von den westlichen Demokratien aus global durchsetzenden Filtermechanismen dominanter Medien haben nach Chomsky einen entscheidenden Nachteil, an dem emanzipatorische Praxis und Gegenöffentlichkeit ansetzen können. Die globalisierten Medien basieren nicht prinzipiell auf der Unterdrückung von Informationen, sondern auf der oben beschriebenen manipulativen Filterung. Das heißt: Informationen, die sich gegen den herrschenden Konsens wenden sind grundsätzlich vorhanden. Sie können gesammelt, benutzt und zu Zwecken der Gesellschaftsveränderung in emanzipatorischem Sinne verwendet werden. Alternativen Medien kommt nach Chomsky die Funktion intellektueller Selbstbehauptung gegen die gedächtniszerstörenden Mechanismen der Massenmedien zu.

Von der alternativen Nutzung der Computernetzwerke und der modernen Kommunikationstechnologien lässt sich ein Auftrieb für alternative Initiativen (Nadir, Indymedia u.a.) erhoffen, die auf diese Weise wichtige Informationen öffentlichkeitswirksam verbreiten und austauschen können. Zwar zeichnet sich durch die verstärkte Nutzung des Internets ein Strukturwandel in der alternativen Medienlandschaft ab; wie in der Vergangenheit, werden die sozialen Bewegungen aber auch in Zukunft nicht zuletzt durch ihre Printmedien Sozialgeschichte machen.

Einige Projekte sind auf dem Weg, alternative Positionen in breiteren Bevölkerungsschichten bekannt zu machen. Als paradigmatisch könnte sich die von 1992 bis November 1997 monatlich mit Auflagen bis zu 40.000 als „Kölsches Blatt“ herausgekommene von unge erweisen, vorausgesetzt ihr Konzept als „linksradikale Bildzeitung“ bzw. „Trojanisches Pferd“ wird auch außerhalb Kölns bekannt und als „Kommunikationsguerillakonzept“ akzeptiert.

Die „Kommunikationsguerilla“ schafft z. B. durch Mittel der Spaßguerilla Verwirrung. Ihr Ziel ist es, das Funktionsprinzip der, auch durch diskursive Wege ausgeübten und legitimierten Macht zu stören und zu schädigen. Die Kommunikationsguerilla begreift ihre Mittel – z.B. Fake-Ausgaben der Westfälischen Nachrichten, der Frankfurter Rundschau und des Weserkurier – als einen Weg zur Störung dessen, was Foucault als „Ordnung des Diskurses“ bezeichnet und als wesentliches Element von Machtausübung identifiziert hat.

Übergreifend bleibt festzustellen, dass sich alternative Medien wie z.B. anti atom aktuell und graswurzelrevolution bis heute bemühen, die Lösung der sozialen und ökologischen Probleme mit einer anti-etatistischen Perspektive zu verbinden. Ihre Propagierung war und ist aber bisher ohne Erfolg. Dass die konsequent-praktische Umsetzung basisdemokratischer/alternativer Grundwerte autonom-gesellschaftliche Alternativen zur Voraussetzung haben, wird nur selten ernst genommen. Dabei hat die Entwicklung der grünen Partei gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatliche bzw. parlamentarische Konzeptionen zur Integration und Korrumpierung, also zur Entschärfung basisdemokratischer Opposition führt.

Die Notwendigkeit und die Chancen der alternativen Presse liegen im Aufzeigen solcher Zusammenhänge und der Praktizierung und Propagierung einer dauerhaften Alternative. Dass die alternative Bewegung und ihre Presse zukünftig – trotz ihrer oben beschriebenen Probleme – in der Lage sein wird, auf gesellschaftliche Umbrüche effektiver zu reagieren und größere Akzeptanz und Unterstützung innerhalb einer sich wandelnden Gesellschaft zu gewinnen, ist nicht auszuschließen.

Nach dem Scheitern des etatistischen Sozialismus und der sich abzeichnenden Krise des globalisierten Kapitalismus werden im 21. Jahrhundert gesellschaftliche Ideen und Gegenkonzepte zu etatistischen als auch zu neoliberalen Ideologien an Bedeutung gewinnen. Realistisch ist unter den heutigen Herrschaftsbedingungen des Neoliberalismus und nicht erst seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl der Atomtod, die Zerstörung und Vergiftung der Natur und des Menschen durch den Menschen. Aber:

„Im Namen des Realismus werden die Menschen total verrückt, und genau das, was sie utopisch nennen, ist die Vorbedingung für den Fortbestand der Menschheit. Utopische Maßnahmen sind Maßnahmen, die uns vor dem Atomtod retten; realistische, gesunde, vernünftige, praktische Schritte sind heute die Aktionen der Verrückten und der Dummköpfe.“ Der Autor Bernd Drücke ist Soziologe, Lehrbeauftragter an der Uni Münster, sowie hauptamtlicher Redakteur der alternativen Monatszeitung graswurzelrevolution. In seiner Doktorarbeit über „libertäre Presse“ hat er sich u.a. mit den Möglichkeiten alternativer Medien beschäftigt.