Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos”

Ich freue mich, hier in Münster die Ausstellung „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ mit Ihnen zu eröffnen. Bedanken möchte ich mich vorweg bei allen, die es durch Ihr Engagement ermöglicht haben, daß diese Ausstellung hier gezeigt werden kann: bei Frau Dr. Eichler und der Volkshochschule, bei Herrn Dr. Kinkelbur und dem Friedensforum – Sie haben die Ausstellung sozusagen hierher geholt; bei der Sparkasse Münsterland Ost für ihre großzügige finanzielle Unterstützung sowie bei dem Team der Ehrenamtlichen, das die Ausstellung in den kommenden Wochen betreuen und Führungen für Gruppen, besonders für Schulklassen machen wird. Ihnen und allen anderen Beteiligten, was das Begleitprogramm zur Ausstellung angeht, gilt mein herzlicher Dank für Ihre Mithilfe, für Ihren Beitrag.

Es ist eine Wanderausstellung, die seit fünf Jahren pausenlos unterwegs ist. Denn ihre Aktualität führt uns das Weltgeschehen ebenso pausenlos vor Augen. Die Ausstellung wandert in drei deutschen, zwei englischen Fassungen sowie einer französischen und einer chinesischen Version durch die Welt. Das Thema: die Vielfalt der Kulturen und Religionen und unsere Sehnsucht nach ihrer gedeihlichen Koexistenz. Der Hintergrund: die Herausforderungen der Globalisierung und der Aufbau einer neuen Weltordnung. Die Vision: ein Kanon elementarer Werte und Normen, die uns jenseits aller Unterschiede von Religion, Kultur und Hautfarbe gemeinsam sind – ein Menschheits- oder Weltethos.

Um mit der Vision zu beginnen: 1993 fand in Chicago ein Weltparlament der Religionen statt. 7.000 VertreterInnen von 250 Religionen und religiösen Gruppen nahmen daran teil. Am letzten Tag verabschiedete das Parlament die „Erklärung zum Weltethos“, die der Dalai Lama dann als erster unterschrieb. Unsere Weltgesellschaft ist dann zivilisiert, wenn sie sich ein globales Ethos gegeben hat mit Menschenrechten und Menschenpflichten für alle. Unsere Welt ist dann zivilisiert, wenn sie über elementare gemeinsame ethische Standards verfügt, die in den Köpfen und Herzen aller Menschen verankert sind, gleich welcher Religion, Hautfarbe oder Herkunft sie sind.

Wie kann das gehen? Ein Kanon gemeinsamer Werte und Normen aller Menschen – ist das möglich? Das griechische Wort „Ethos“ heißt „Haus“, im Plural auch Sitten, Normen, Wertmaßstäbe im Umgang miteinander. Die Weltethos-Erklärung ist kein fertiges System, also keine Weltethik, keine neue Welteinheitsreligion, und auch kein Ersatz für die vorhandenen Ethiken der Kulturen und Religionen. Es geht vielmehr um einen Minimalkonsens, der unsere Welt im Innersten zusammenhält. Bildlich gesprochen: Weltethos ist so etwas wie der Vor­schlag für eine „Hausordnung“ für das „globale Dorf“, in dem wir leben. Entscheidend ist dabei: die Erklärung formuliert die minimalen ethischen Standards so, daß sie nicht auf eine bestimmte religiöse Überzeugung festlegt. Sie legt überhaupt nicht auf Religion fest. Weltethos ist eine freiwillige Selbstverpflichtung möglichst vieler Menschen, auch solcher, die sich als Atheisten und Agnostiker bezeichnen. Weltethos zielt auf eine Koalition von Glaubenden und Nichtglaubenden, sonst wäre es kein Ethos für alle.
Bei Weltethos geht es nicht um weltanschauliche Wahrheitsfragen, nicht um das, was wir glauben, sondern um gemeinsame Maßstäbe des Handelns als Basis für den Dialog der Kulturen – als alternative Strategie zu Fanatismus und Krieg „im Namen Gottes“. Dafür setzt sich die 1995 in Tübingen gegründete Stiftung Weltethos ein. Eines unserer ersten Projekte war das Multi-Media-Projekt „Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg“. Hans Küng, der Präsident der Stiftung, hat es zusammen mit dem Südwestrundfunk und dem Schweizer Fernsehen realisiert. Es entstanden sieben jeweils einstündige Fernsehdokumentationen über die Weltreligionen. Diese Ausstellung wäre ohne die jahrelangen Vorarbeiten und die Bereitstellung des Bild- und Textmaterials aus den Filmen nicht zu realisieren gewesen.

Werfen wir einen Blick auf die Ausstellungstafeln. Die ersten sechs Tafeln sind den klassischen großen Religionen gewidmet. Je eine Tafel gilt dem Hinduismus, dem Buddhismus, der Chinesischen Religion, dem Judentum, dem Christentum sowie dem Islam. Die Religions­tafeln möchten einen ersten Eindruck verschaffen, der dann durch die Filme und einen Begleitbildband von Hans Küng vertieft werden kann. Solches Basiswissen über die Religionen ist heute unabdingbar, auch für nichtreligiöse Menschen! Wer Religionen in ihrer gesellschaftlichen Relevanz und politischen Brisanz unterschätzt, wird naiv im Umgang mit ihren fundamentalistischen Verzerrungen. Wer von Religion keine Ahnung hat, kann auch nicht unterscheiden zwischen Religion und religiöser Ideologie, also zwischen authentischer Spiritualität und mißbrauchter Religion. Darauf hat am 20. Oktober 2005 in Tübingen Shirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin von 2003, in ihrer Rede über Weltethos und Islam hingewiesen. Shirin Ebadi sagte:

„Man kann nicht unter Berufung auf die Religion die Einhaltung der Menschenrechte ablehnen. Denn es gibt keine (wahre) Religion, die der Unterdrückung, dem Krieg, der Diskriminierung, der Ermordung unschuldiger Menschen, dem Raub nationalen Eigentums etc. zustimmt. (…) Die Wahrheit ist, dass man durch eine richtige und dynamische Auslegung des Islam sowohl Muslim sein als auch die Menschenrechte respektieren und einhalten kann.“

Dieser religionskundliche Teil der Ausstellung nimmt Bezug auf den globalen Trend Nr. 1 derzeit: die Renaissance der Religionen. Diese prägen einzelne Menschen und ganze Kulturen nachhaltiger, als das atheistische Religions­kritiker meinten. Religionen sterben nicht aus – im Gegenteil! Säkularisierung ist kein globaler Trend, sondern ein Sonderweg in weiten Teilen Europas. Eine Debatte um die Revision der Säkularisierungsthese und die „postsäkulare Gesellschaft“, auf die wir uns laut Jürgen Habermas einzustellen hätten, ist in vollem Gange. Religionen haben Konjunktur. Aber, so sagen wir mit dieser Ausstellung gegen alle Fanatiker: es gehört nicht zur Selbstdefinition des Menschen, Feinde zu haben. Es gehört nicht zum Wesen der Religionen, Rivalen zu sein. Dazu gibt es zu viele Gemeinsamkeiten und geschichtliche Wechselbeziehungen zwischen den Kulturen und Religionen.

Weitere sechs Tafeln sind der „Erklärung zum Weltethos“ gewidmet. Der an der Wertevermittlung orientierte zweite Teil der Ausstellung bezieht sich auf den globalen Trend Nr. 2 derzeit: die neue Suche nach Werten. Werte sind wieder gefragt: in der Politik, in der Wirtschaft, etwa bei Managerseminaren („Erfolg durch Menschlichkeit“) und Lehrgängen für Führungskräfte („Mit Werten in Führung gehen“), auch in Schulen und Gemeinden. Das Projekt Weltethos steht nicht nur am Schnittpunkt des Dialogs der Kulturen und Religionen, sondern auch entsprechender politischer, wirtschaftlicher und pädagogischer Aufgaben. Welche Werte und Normen werden vorgeschlagen?
Ausgangspunkt eines globalen Ethos ist das, was allen Menschen unbestreitbar gemeinsam ist: das Mensch-Sein und die damit verbundene Menschenwürde. Tafel 7 thematisiert das Prinzip der Humanität: „Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden“. Dieses Prinzip wurde zu allen Zeiten von großen Humanisten eingefordert: von Immanuel Kant über Albert Schweitzer bis zu Nelson Mandela. Die Pointe der Weltethos-Erklärung liegt jedoch nicht bei dem Prinzip der Menschenwürde und der Menschenrechte an sich. Das kennen wir ja bereits von der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen 1948. Der eigentliche „Mehrwert“ von Weltethos gegenüber bisherigen Deklarationen findet sich auf Tafel 8 der Ausstellung.

Sie ist der sog. „Goldenen Regel“ gewidmet. In aller Welt finden wir das Sprichwort: „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Oder positiv: was du von anderen erwartest, das sie dir tun, das tue du ihnen! Die Goldene Regel – das Prinzip der Gegenseitigkeit im Verhalten der Menschen – ist weltweit ganz ähnlich anzutreffen: sowohl 1. im Sprichwortschatz der Völker als auch 2. in den religiösen und 3. in ethisch-philosophischen Texten. Acht Beispiele dafür haben wir aufgeführt. Ich zitiere Konfuzius: „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an.“ Sein europäischer Zeitgenosse Thales von Milet (gest. ca. 547 v.Chr.) wurde einmal gefragt, was denn die gerechteste Lebensführung sei. Thales antwortete: „Wenn wir selbst nicht tun, was wir anderen übel nehmen.“ Am Beispiel der Goldenen Regel wird deutlich: auf der Ebene elementarer Werte stehen sich die Kulturen schon immer sehr nahe. Ein globales Ethos muß weder konstruiert noch neu erfunden werden. Es ist schon da. Es ist unser ideelles Weltkulturerbe – es muß wieder entdeckt und bekannt gemacht werden. Bei Weltethos gehen Menschen-Rechte und Menschen-Pflichten Hand in Hand, weil Menschlichkeit allein nicht genügt – sie muß zur Mitmensch­lichkeit werden. Es geht nicht allein um das Recht auf menschliche Be­handlung, sondern auch um die Verantwortung, andere menschlich zu behandeln.

Die vier letzten Tafeln konkretisieren die beiden Leitwerte – Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit – mithilfe von vier Regeln, die ebenfalls kulturübergreifend bekannt und anerkannt sind: 1. Du sollst nicht töten! Hab’ Ehrfurcht vor dem Leben! 2. Du sollst nicht stehlen! Handle gerecht und fair! 3. Du sollst nicht lügen! Rede und handle wahrhaftig! 4. Du sollst die Sexualität nicht mißbrauchen! Achtet und liebet einander!

Mit dem Verweis, daß das Weltethos schon bekannt sei, können wir uns nicht zufrieden geben. Wir müssen es einsetzen und umsetzen. Das globale Projekt Weltethos muß allerorts konkretisiert werden etwa als Unternehmensethos, oder als Schulethos. Dabei müssen viele kleine Schritte vieler Menschen gemacht werden, wie die Weltethos-Erklärung sagt: „Auf der Ebene der Nationen und Religionen kann nur praktiziert werden, was auf der Ebene der persönlichen und familiären Beziehungen bereits gelebt wird.“ Ich möchte es an einer Stelle einmal beispielhaft konkret machen. Anläßlich des Weltfriedens- bzw. Antikriegstags vom 1. September bezieht sich mein Beispiel auf die Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben. Sich darauf zu verpflichten, bedeutet Nein zum Krieg in allen seinen Formen zu sagen. Ich aktualisiere im Folgenden einen Appell von Wolfgang Borchert aus seinem Todesjahr 1947 („Dann gibt es nur eins“):

Du Mensch auf dem Dorf, Du Mensch in der Stadt.
Wenn sie morgen kommen und dir sagen,
du sollst die anderen als Feinde betrachten,
— dann gibt es nur eins: Sag nein und baue Brücken!

Du Bischof, du Pfarrerin, du Imam, du Rabbinerin.
Wenn sie dir morgen sagen, du sollst den Krieg heilig sprechen
und die Waffen segnen und den Soldaten das Paradies versprechen,
— dann gibt es nur eins: Sag nein und bleibe dem Gott des Friedens treu!

Du Journalist, Du Berichterstatterin.
Wenn sie morgen deine Karikaturen und Texte brauchen,
um den Krieg anzuzetteln und den Haß zu schüren,
— dann gibt es nur eins: Sag nein und finde den Mut zur Wahrhaftigkeit!

Du Abgeordneter, Du Abgeordnete im Parlament.
Wenn sie morgen deine Zustimmung zum Krieg kaufen wollen,
um den Krieg als Mittel der Politik zu legitimieren,
— dann gibt es nur eins: Sag nein und folge der Stimme deines Gewissens!

Du Minister, du Ministerin.
Wenn man dich fragt, was du für eine weltweite
Kultur der Ehrfurcht vor dem Leben der gesamten Schöpfung tust,
— dann gibt es nur eins: Halte keine Sonntagsreden, sondern setze dich im Alltag glaubwürdig für die Schöpfung ein.

Ihr Mütter und Väter, ihr Lehrer und Lehrerinnen hier und in allen Erdteilen.
Wenn sie euch morgen sagen, ihr sollt euren Kindern Haß auf alles Fremde lehren und mit Gewaltspielen und -filmen einen Killerinstinkt in ihnen heranzüchten
— dann gibt es nur eins. Sagt nein zum Krieg und geht mit gutem Beispiel voran!

lhr Schüler und Schülerinnen in dieser Stadt.
Wenn es morgen heißt, wir sind im Krieg,
— dann gibt es nur eins: Sagt nein zum Krieg.

Sagt ja zur einen großen Familie der Menschen, die unteilbar ist.
Sagt ja zum Respekt vor allem, was lebt, so wie auch ihr von allen respektiert werden möchtet.

Meine Damen und Herren, es gibt weltweit zahllose zivilgesellschaftliche Initiativen, die das Gewissen dieser Welt ausmachen: von Amnesty International und Attac über den Global Marshall Plan und Transparency International bis hin zur Erd-Charta – um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen. Es gibt viele Beispiele global praktizierter Humanität. Menschen engagieren sich aus einem tief inneren Impuls der Menschlichkeit heraus. Und genau das heißt, das eine Ethos dieser Welt in die Tat umzusetzen.

Skeptiker werden sagen: Das ist alles schön und gut, hat aber keine Aussicht auf Erfolg! Diese Skepsis ist uralt. Schon Mose am Berg Sinai, die beiden Tafeln mit den 10 Geboten zerschmetternd, hat sie gekannt. Oder die Visionäre, die 1948 gegen viel Widerstand die Verabschiedung der Menschenrechtserklärung bei der UNO durchgefochten haben. Mehr denn je brauchen wir Vi­sionäre und Vordenker, die aller Skepsis zum Trotz ihren Weg gehen und die Völker nach sich ziehen. Ein weltethischer Visionär ist beispielsweise Jakob von Uexküll. Er gründete 1980 eine Stiftung, die den alternativen Nobelpreis vergibt. Sein neuestes Projekt ist die Etablierung eines Weltzukunftsrates. Die Devise Uexkülls, mit der ich schließen will, ist auch die unsrige in den diversen Stiftungen Weltethos: „Es gibt zu viele Möglichkeiten, als dass man Pessimist sein kann. Es gibt natürlich auch allzu viele Krisen, als dass man einfach Optimist sein kann. Ich sage immer, ich bin Possibilist – ich sehe die Möglichkeiten.“